Valerie Stahl von Stromberg Archive In progress
Valerie Stahl von Stromberg ist eine weitgereiste Künstlerin und mehr als das, sie ist jemand, der viele Wohnsitze hatte und vielleicht noch präziser, sie ist eine Künstlerin, die forschend, aufmerksam und engagiert in dieser Welt unterwegs ist. Dafür hat sie zum einen das Medium der Dokumentarfotografie ausgewählt und in diesem Zusammenhang in Magazinen publiziert. Sieht man aber, zum anderen, die so entstandenen Arbeiten in einer Ausstellung an, und ich würde behaupten, dass sie eigentlich immer auf ein größeres Arrangement, eine installative Umsetzung zielen, sieht man das hinter diesen Aufträgen ein sehr komplexer und individueller Zugang auf die Welt seiner Entdeckung wartet.
Das Reisen (die Welt) steht auch in dieser Ausstellung zentral. Abgebildet in dem wie erschöpft geplätteten Koffer, mit seinen Insignien des Ankommens und seinen Dellen der Probleme des Wegs, verkörpert er das Medium dieses Reisens. Er stellt sich aber darüber hinaus als Objekt in seiner Materialität, der Dreidimensionalität, der geglätteten Zweidimensionalität der Fotografie entgegen. Er verweist durch den Hinweis auf die Qualitäten von Skulptur: Gewicht, Geruch, Haptik auf das Tatsächliche, auf das Gewicht der Orte (der Welt), die in der Fotografie ja nur schwebend hervorgerufen werden. In dieser Weise lässt sich in dieser Ausstellung das Verhältnis zwischen Objekten und Fotografie durchgängig lesen.
Man sollte auch die Details dieses Koffers nicht übersehen. Rimowa, die Marke des Koffers ist Status. Und nicht irgendein Status, sondern ein sehr deutscher, jener klassisch- nüchterne „Qualität aus Tradition“ Status, für den das Deutsche steht und, hier zufällig – aber was ist zufällig – aus der Stadt, aus der auch Valerie Stahl von Stromberg kommt. Hier dargestellt ist, in einer sehr gelungenen Bewegung, die Distanz und das Privileg, das zu Beginn der Begegnung steht, die es ja gerade erst ermöglichen als Dokumentarfotografin und als Künstlerin in den Ländern aufzutreten, von denen diese Ausstellung handelt. Weitere Hinweise finden sich an anderer Stelle der Ausstellung. Der Innenraum des Taxis in Venedig, der Stadt in der sich dieses alltägliche Transportmittel zum Luxus wandelt, die nachlässige Berührung des glänzenden Autolacks. Aber im Koffer ist sozusagen ein Bruch markiert. Hier ist etwas gegen die Wand gefahren. Und ich denke, das ist weniger biografisch zu lesen als allgemeiner. Dieser Bruch liegt auch in den Blicken der abgebildeten Menschen. Sie blicken zurück und einige von ihnen fragend, einige im vollen Bewusstsein des Ausgestelltwerdens ihrer Differenz.
Biografisch gesehen ist Valerie Stahl von Stromberg weiter gegangen als diese Gegenüberstellung zwischen der Schwere der Welt und ihrem Abbild nun erahnen lässt. Diese Gegenüberstellung aufzeigen kann diese Ausstellung in ihrem Verhältnis zwischen Objekt und Fotografie. Ein Engagement, ein sich Einmischen, aber zeigt sich in der der künstlerischen Arbeit zugrundeliegenden Bewegung, die da wo sie hinsieht auch Empathie entwickelt.
Ariane Müller , 2023